Matthias Cramer, Autor von Glen More II: Chronicles plaudert in unserer mehrteiligen Interview-Serie nicht nur ein bisschen aus dem Nähkästchen, sondern berichtet auch ganz konkret von den Herausforderungen und Entscheidungen, die Glen More II: Chronicles zu einem würdigen Nachfolger seines Erstlingswerks machen. Hier ist der erste Teil des Interviews:

Steffen: Wie lange arbeitest du bereits an Glen More II: Chronicles?

Matthias: An Glen More II: Chronicles sitze ich seit 3 Jahren. Wobei ich auch deswegen so lange daran sitze, weil ich so lange daran sitzen wollte. Glen More I hat ein paar Sachen, bei denen ich im Nachhinein dachte: Das würde ich heute anders machen!  Da ich seit 3 Jahren die Lizenz wieder habe, kann und will ich mir auch die Zeit dafür nehmen, die das Spiel braucht. Das war auch die ursprüngliche Motivation, dieses Projekt anzufangen.

S: Wenn du sagst es gab Sachen, die dich beim ersten jetzt im Nachhinein nicht mehr so begeistern, welche waren das und wie werden die jetzt in Zukunft bei Glen More II: Chronicles gemacht?

M: Was mich gestört hat, es gab nicht wirklich eine Strategie, bei der ich mit wenigen Plättchen auskomme. Ich habe maximal einen zweiten Platz damit erlebt, aber nie einen ersten. Es sollte auch keine Wenig-Plättchen-Killerstrategie geben, aber ich wollte es in die Möglichkeiten mit reinnehmen. Man muss natürlich noch etwas mehr tun und ein Konzept haben, um zu gewinnen, aber man kann jetzt auch mit wenigen Plättchen vorne mit dabei sein.

Das zweite was mir wichtig war, war das Spielende. Das fand ich unbefriedigend. Denn wer ausrechnen konnte, wann das Endplättchen auftaucht, hatte einen Vorteil gegenüber dem, der das eben nicht kann. Und daher wollte ich das Spielende einfacher gestalten.

Der wichtigste Punkt war aber die Variabilität. Glen More hat immer das gleiche Plättchen Set, es passiert immer das Gleiche – wenn auch in unterschiedlicher Reihenfolge – und das war auch ein großer Grund für die neuen Chronicles. Mir war wichtig, dass man verschiedene Spielerlebnisse mit dem gleichen Spiel haben kann.

Das Basisspiel von Glen More II: Chronicles ist auch abwechslungsreicher. Das liegt mit unter daran, dass es eine Wertungskategorie mehr gibt. So kann man sich mehr auf das eine oder andere konzentrieren und auf andere Optionen ausweichen, wenn Strategien fehlschlagen.

S: Glen More II heißt nicht Glen More II sondern Glen More II: Chronicles. Was sind die Chronicles?

M: Die Chronicles sind kleine Module, die dafür sorgen, dass ich ein anderes Spielerlebnis habe. Eine Chronicle ist keine Erweiterung. Ich gebe nicht einfach fünf neue Plättchen dazu, um andere Plättchen zu haben, sondern eine Chronicle bringt ein neues Gameplay Element und ein neues Feeling in das Spiel. Jede Chronicle ist einzigartig und hält für das Spiel einen neuen Aspekt bereit.

Zum Beispiel haben wir das Drachenbootrennen. Das heißt, weil ja jeder Spieler einen Fluss hat, gibt es ein großes Rennen, das rund um alle Flüsse der Spieler führt. Jeder startet in seinem eigenen Clan Castle und muss möglichst schnell wieder in seinem Castle ankommen, um zu gewinnen. In den Castles der Mitspieler gibt es dabei noch kleine Bonus-Belohnungen zu gewinnen.

S: Das klingt ganz anders als das, was man sonst bei Glen More macht. Da ist also ein Rennen drin?

M: Genau. Ein richtiges Rennen.

S: Wie sehen das denn so die knallharten Strategie-Spieler? Mögen die das oder was ist für die da drin?

M: Die mögen das. Fast alle finden das ziemlich lustig und springen direkt darauf an. Man muss sich aber nicht beteiligen, der Verlierer muss dann eine Flasche Lebertran statt Whisky trinken und bekommt eine kleine Strafe, aber die ist nicht so groß, dass man unbedingt an diesem Rennen mitmachen muss. Man könnte sich auch bewusst dafür entscheiden: Nö, ohne mich. Allerdings verpasst man dann auch die Punkte, die einem eine Platzierung auf dem Siegertreppchen bringt.

S: Der Lebertran wird gleich mitgeliefert oder ist das ein Stretch Goal auf Kickstarter?

M: Wir verhandeln gerade mit der japanischen Walfangflotte… oder wie wird denn eigentlich Lebertran hergestellt? Mit führenden Lebertran-Produzenten… (beide lachen)

S: Keine Ahnung, aber klingt fies. Jetzt würde ich aber gerne noch ein zweites Beispiel hören. Was gibt es denn sonst noch an Chronicles? Vielleicht auch irgendwas, was das Spiel noch tiefer und taktischer macht?

M: Ja, da gibt es The Hammer of the Scots, also Edward I. Da werden die Schotten von den Engländern überfallen und der englische König, Edward I., der kommt in Form eines Spielsteins auf das Rondell. Und dann können die Spieler – da Schottland ja teilweise besetzt ist – versuchen Einfluss auf die Engländer zu nehmen. Und das passiert in Form von bestimmten Plättchen, wodurch man den Spielstein als zweite Figur nutzen kann. Man hat also einen zweiten Spielzug.

S: Das klingt aber sehr mächtig.

M: Das klingt sehr mächtig, ist aber leider nicht ganz billig. Die Kontrolle über diesen König zu kriegen erfordert Geld. Manchmal habe ich auch die Möglichkeit die Figur zu setzen oder ich nehme mir Geld, was über den Marktmechanismus funktioniert. Es gibt also eine zusätzliche Marktleiste, über die das dann abgehandelt wird und die nur in diesem Chronicle im Einsatz ist.

S: Die Chronicles, die jetzt mit Namen auftauchen, sind die das zentrale Element? Also, das Highlight das den Charakter von Glen More II: Chronicles für dich ausmacht?

M: Ja, im Prinzip schon. Die Hauptentwicklungsarbeit – also ein neues Plättchen Set – bekommt man ja eigentlich ganz gut hin, wenn man drin ist. Aber das Spannende war, diese Chronicles zu entwickeln. Also Ideen zu haben und eine wirklich funktionierende Chronicle daraus zu machen. Ich meine es gibt ja nicht wenige Chronicles, die wir irgendwann wieder weggeschmissen haben, weil sie einfach nicht gut genug waren.

Wird fortgesetzt….

Das Interview führte Steffen Rühl.